Wenn es schon grade richtig schief läuft, dann setzt das Schicksal manchmal noch einen drauf. Das müssen viele Krebsies erleben. Liegt es am Krebs? Oder ist es einfach so, dass dann, wenn die eigenen Widerstandskräfte eh bei Null liegen, die Kraft fehlt das zu kompensieren, was da noch zusätzlich kommt? Mein Biopsie-Tag war so ein Tag.
Am 14. April 2023, drei Wochen nach dem MRT gings es also zur stationären Aufnahme zur Uniklinik nach Erlangen. Eine Biopsie des Tumors in der Lunge sollte Klarheit bringen, was da nun wirklich in meinem Körper los war.
Drama Lama
Ich habe keine Ahnung, wer die Dramaturgie für diesen Tag geschrieben hat. Aber er hat ganze Arbeit geleistet, um mich mal so richtig an meine Grenzen zu bringen. Begonnen hat es mit der Anweisung, am Tag der Biopsie nüchtern zu bleiben, nichts zu trinken und keine Medikamente zu nehmen. Und so war ich Schmerzmedikamenten-Junkie schon kurz nach meiner Ankunft in der Klinik auf Entzug. Und irgendwann auch ausgedörrt. Natürlich war erst mal Warten angesagt: Beim Check in, dann auf der Station war noch kein Bett hergerichtet; also wartete ich in einer Sitzecke; in der ich wegen der Schmerzen nicht sitzen konnte. Als wartete ich geduldig zwei Stunden in der Stehecke, bis ich dann in mein Zimmer kam. Mein Zimmergenosse war wohl so um die 70 und ihm hatte seine Krebserkrankung bereits mächtig körperlich zugesetzt. Ein Gespräch war nicht möglich, denn er sprach lediglich Türkisch, was auch seine Kommunikation mit den Pflegekräften erschwerte. So wälzte er sich immer wieder auf seinem Bett herum … das war also mein erster Eindruck von der Krebsstation.
Ich schaute aus dem Fenster. Ich konnte hinüber in einige Zimmer des im rechten Winkel angebauten Trakts schauen. Sah junge Leute, die ihr Stativ mit Infusionen neben sich herschoben. Willkommen in der Onkologie!
Aufklärungsgepräch nach dem alles noch unklarer war
Die Zeit verrann, die fehlendem Schmerzmittel, Durst und Hunger setzten mir zu – ich fühlte mich schlapp, gefrustet irgendwie scheiße. Bis zum Aufklärungsgespräch mit einem Assistenzarzt. Ja, das war eine Aufklärung der besonderen Art. Denn neben den sachlichen Infos und Anamnesekrimskrams zur Bronchoskopie schaffte er es, treffsicher eine Doppelbotschaft zu senden:
“Nunja, bei einem Lungenkarzinom, das metastasiert hat, da können wir schon einiges machen. Wir haben da viele Möglichkeiten der Therapie. Die Biopsie wird zeigen, ob Chemo, Immuntherapie oder Zielgerichtete Therapie möglich ist. Ja vielleicht kann man im Idealfall es erreichen, dass Sie mit Tabletten behandelt werden, und nur alle drei Monate zur Kontrolle müssen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt kann man da noch gar keine Aussage machen. Außer, das es klar ist: So etwas wie Heilung, also dass der Krebs weg ist, das wird es nicht geben.”
Bam! So hat das noch keiner gesagt! Und das war auch gut so. Denn solche Botschaften – so korrekt sie auch sein mögen – braucht kein Krebskranker. Nun kam zur elenden Warterei auf die Biopsie mit Schmerzen, Hunger und Durst auch noch dieser Todesinformationsnebel. Im Kopf fing ich an, mir auszumalen, dass vielleicht schon in wenigen Monaten alles aus ist. Aber eben nur vielleicht. Und was hat das alles mit den Schmerzen im Becken zu tun? Ich fühlte mich wie ein Luftballon, aus dem alle Luft herausgelassen worden war.
Nach neun Stunden Warterei konnte dann die Biopsie starten. Die war wenig spektakulär, außer dass ich lange nicht aus der Narkose auswachte. Aber wer weiß? Vielleicht hatte ich grade auch keine Lust, allzuschnell in diese seltsame Welt mit so nebulösen Prognosen zurückzukehren.
Jedenfalls wurde ich am Tag darauf schon wieder entlassen. Man würde sich melden, wenn man die Ergebnisse der Biopsie und der molekularen Analyse hätte.
Weiter gehts mit Krebsstory 05 – 05 Das Ergebnis der Molekularanalyse: Was habe ich nun wirklich?