“Wie wäre es dir lieber? Die ganze furchtbare Wahrheit auf einmal, oder doch lieber scheibchenweise in besser verdaulichen Portionen?” Wenn man mir diese Frage gestellt hätte, hätte ich mich wohl für die “ganze Wahrheit” entschieden. Aber bei den existentiellen Themen wird man meistens nicht gefragt. Und bei mir zeigte sich die Wahrheit buchstäblich scheibchenweise – so wie der Magnetresonanztomograph tatsächlich uns scheibchenweise betrachtet .
Worte machen Wirklichkeit
Die gute Nachricht zuerst: Auf den MRT-Bildern sind weder ein Bandscheibenvorfall noch ein Gleitwirbel zu erkennen. Aber diese Entwarnung hatte es faustdick hinter den Ohren: Eine “Raumforderung” war zu sehen. Ich hatte diesen Fachbegriff vorher noch nie gehört oder gelesen. Aber der Kontext des Radiologieberichts ließ nicht viel Interpretationsspielraum: Das Ding, das auf den Bildern wie ein zarter Schwamm aussah, der sich beiderseits des Beckenknochen nach außen wölbte, hörte offenbar auch auf den Namen “Tumor”. Der Radiologe hatte auch schon eine Idee an der Hand, was es sein könnte: Verdacht auf Chondrosarkom.
Ja, natürlich weiß ich, dass man keine Krankheiten googeln soll. Aber was bleibt einem übrig, wenn man plötzlich so einem völlig unbekanntem Feind gegenübersteht? Informationen fallen ja nicht einfach vom Himmel. So hangelte ich mich bei meiner Recherche durch solche Seiten, die eine gewisse Seriösität versprechen: Unikliniken, Krebsgesellschaften, Wikipedia. Und so förderte das Netz Licht und Schatten zutage: Sehr aggressiv soll diese Form des Knochenkrebses sein. Aber es gibt auch eine chirurgische Behandlungsmöglkichkeit mit recht ordentliches Erfolgschance auf Heilung. Vereinfacht gesagt: Man muss nur den befallenen Teil des Beckenknochens entfernen, dann sind die Chancen ganz gut, dass man diesen üblen Schmarotzer wirklich los wird.
OK … was bedeutet es, wenn man einen Teil des Beckenknochens entfernt? Kann ich dann noch laufen? Fahrradfahren? Im Gedanken verabschiedete ich mich schon von meinem im Vorjahr gekaufen E-Bike. Aber das ist wirklich ein recht kleiner Verlust, wenn es darum geht, nochmal mit dem Leben davonzukommen.
Scheibchenweise Wahrheit: Das erste Scheibchen hieß also: Ich habe einen Knochenkrebs, der sich aber ganz gut behandeln und mich mit hoher Wahrscheinlichkeit überleben lässt. Keine schöne Nachricht, aber eine, bei der in der Katastrophe auch ein gutes Stück Hoffnung eingewoben ist. So war diese Verdachtsdiagnose für uns als Familie ein Schock – aber eben einer, der einen nicht in den hofffnungslosen Abgrund fallen lässt.
Aus Knochenkrebs wird Lungenkrebs
Meine Hausärztin war da eine große Hilfe, in dem sie mit großer Energie den Weg frei machte: Für einen schnellen Termin bei einer Spezialklinik für Knochenkrebs und für die notwendigen weiteren bildgebenden Untersuchungen. Zugleich spürte man ihr an: Es scheint komplexer zu sein, als ursprünglich gedacht. Sie vernetzte sich mit Okologen und sprach den Verdacht aus, dessen Tragweite ich erst einmal nicht realisierte: Es könnte sein, dass das Ding im Becken gar nicht das eigentliche Problem ist. Manches spricht dafür, dass da irgendwo an irgendeiner Stelle in meinem Körper der eigentliche Tumor, also der Primärtumor, noch unentdeckt sein Unwesen treibt.
Die folgende CT-Bildgebung brachte es dann an den Tag. Da ist ein Tumor in der Lunge. Links oben liegt er – er sieht ein bisschen aus wie eine Spinne im Netz. Lungenkrebs – ein Wort, das man auf Anhieb auch ohne medizinische Fachkenntnisse versteht. Und schon einige Male hatte ich Menschen mit dieser Diagnose als Pfarrer begleitet. Bisher waren es die anderen, die mit Lungenkrebs zum kämpfen hatten. Aber was das bedeutet, wenn man das selber hat – das wurde mir erst ganz langsam bewusst.
Aus der Psychologie kennen wir Phasenmodelle, die beschreiben, wie Menschen sich verhalten, wenn sie mit einer tödlichen Krankheit oder dem Tod eines nahestehenden Menschen konfrontiert sind. Da wird die erste Phase als das “nicht wahr haben wollen” bezeichnet.
Ich glaube: Manches kann man auch gar nicht auf Anhieb in seiner Bedeutung “wahr haben”. Da ist die Tragweite zu groß, die Tragik zu tief. Alles ist viel zu viel auf einmal und zugleich ist gerade alles völlig offen. Es ist wohl so etwas wie ein freier Fall. Der Boden ist auf einmal weg und du fällst. Und du weißt nicht wohin. Die Bilder, die sich von dem Kommenden in deinen Kopf bilden, sind unscharf, erscheinen unwirklich und haben gefühlt gar nichts mit deinem Leben, wie du es bisher gekannt hast, zu tun.
Unwirklich, so fühlten sie die folgenden Tage an.