Krebsstory 03 – The show must go on … bis nichts mehr ging

Die Wochen, in denen scheibchenweise die Krebserkrankung aus der Versenkung kam, waren zugleich die anspruchsvollsten innerhalb des Pfarrerjahres. Zwei Wochenenden mit Konfirmationen und anschließend die Karwoche mit Ostern. Eine Zeit, in der wir Pfarrersleute häufig einfach funktionieren.

Eskalation

Die Schmerzen im Becken hatten sich seit dem Dezember immer weiter gesteigert. Inzwischen war ich bei der Tageshöchstdosis von Ibubrofen und zusätzlich zweimal täglich einer Dosis des Opioids Tilidin angekommen. So konnte ich zumindest tagsüber irgendwie arbeiten und nachts halbwegs schlafen. So humpelte ich in die Schule, kraxelte unter seltsamen Verrenkungen zu Kanzel hoch – the show must go on! Das innere Zirkuspferd wollte nicht aufgeben.

In einer Kirchenvorstandssitzung in Brunn wurde angeregt, angesichts meines desolaten Zustands das Programm der Feiertage zu reduzieren. Das lehnte ich ab, denn meine Arbeit war mir so wichtig, dass ich jedes Reduzieren irgendwie als Versagen verstanden hätte. Ich ahnte an diesen Abend ja noch nicht, dass nur zehn Tage später die Lungenkrebsdiagnose einen ausfallenden Gottesdienst zu meinen kleinsten Problem machen würde.
Die Konfirmation in Brunn bekam ich ganz gut hin.
Zur Konfirmation in Wilhelmsdorf wusste ich vom Tumor im Becken.
Und am Dienstag der Karwoche lag die Verdachtsdiagnose “Lungenkrebs” auf dem Tisch.

Ob es die immer stärkeren Schmerzen oder der gerade beginnende frei Fall war: Mir wurde deutlich, dass das übliche Oster-Pensum  von neun Gottesdiensten innerhalb von fünf Tagen illusorisch war. Innerhalb von zwei Tagen haben wir uns Kollegen im Ruhestand zur Verstärkung geholt. Die Teams der Osternacht und der Familienkirche waren mutig genug, um ihre Feiern ohne Pfarrer zu begehen.

So hatte ich nur die beiden Gottesdienste am Ostersonntag zu halten. Und die wollte ich auch unbedingt feiern. Den Karfreitag hatte ich gerne aus der Hand gegeben. Denn Karfreitag hatten wir als Familie gerade selber genug. Und genau deshalb war mir der Ostersonntag mit seiner alten Botschaft so wichtig: Der Tod hat nicht das letzte Wort! Jesu Auferstehung ist stärker als die Kräfte, die unser Leben scheinbar zerstören. Das sollte der letzte Gottesdienst sein. Der letzte vor den Ferienwoche. Der letzte bevor es zur Biopsie in die Klinik gehen sollte. Und hoffentlich nicht der letzte meines Lebens.

Der Psalm fing an zu sprechen …

Einen Moment dieses Gottesdienstes werde ich nicht vergessen: Der Introitus zum Ostersonntag. Den habe ich schon mehr als hundertmal in Gottesdiensten gesungen. Mal mehr, mal weniger kunstvoll. Dieser Wechselgesang greift Zeilen aus Psalm 118 auf. Aber noch nie haben mich diese Zeilen so brutal berührt, wie an diesem Tag: “Ich werde nicht sterben, sondern leben, und des Herrn Werke verkündigen. Der Herr züchtigt mich schwer, aber er gibt mich nicht dem Tode preis.” Da singe ich am Altar eine Verheißung, die im Moment so klingt, als wäre sie genau für mich geschrieben worden. Zeilen, die Jahrtausende als sind, werden plötzlich zu einem Wort für diesen Moment. Es ist verrückt! Seit 25 Jahren feiere ich Ostergottesdienste und singe dabei immer diesen Psalm. Es war klar, dass er an diesem Tag dran ist. Aber an diesem Ostermorgen haben mich diese Zeilen so überrascht, wie ein unverhofftes Geschenk unterm Weihnachtsbaum. In den folgenden Tagen, gehen mir diese Zeilen nicht mehr aus dem Kopf. Und mir fällt ein, dass diese Zeilen seit vielen Jahren meine Homepage zieren: Als lateinische Inschrift an der Wand in Luthers Stube auf der Feste Coburg. Die hatte ich im Oktober 2015 dort fotografiert und als Sliderbild auf die Startseite gesetzt. Seltsam, wie manche Dinge zusammenfallen. So, als hätte dieser Bibelvers seit vielen Jahren in meinem Leben nur darauf gewartet, einmal seinen großen Auftritt zu bekommen, damit es mir wie Schuppen von den Augen fällt: Nichts Großes in deinem Leben passiert zufällig.

Krebsstory 04 – Biopsie: Ein kleines bisschen Horrortrip

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