Krebsstory 06 – Mit Krebs zurück ins Arbeitsleben

Seit der Diagnosestellung im April 2023 war ich krankgeschrieben. Der Beruf als Pfarrer war auf Standby. Kolleginnen und Kollegen teilten sich die zu vertretenden Aufgaben auf.  Aber wie soll es weitergehen? Mit Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium musste man sich früher diese Gedanken nicht machen, da man nur noch wenige Monate Lebenszeit zu erwarten hatte. Aber da Tagrisso bei mit gut angeschlagen hatte, gab es ja die Aussicht auf mehr Leben und damit auch die Aufgabe, dieses Leben zu gestalten. Auch wenn man nie weiß, wie der Weg weiter verlaufen wird.

Das “Dienstrecht” bestimmt manche Wege

In der Klinik habe ich erfahren: Mit der Diagnose könnte ich in Rente gehen, “wenn Sie es für Sie wirtschaftlich machbar ist”. Eine wichtige Einschränkung, denn unsere Sozialsysteme sehen nicht vor, dass man bei so einer Erkrankung finanziell ohne größere Einbußen weiterleben kann. Viele jüngere Krebserkrankte haben darum massive Probleme, wenn sie tatsächlich von ihrer Rente und vielleicht noch den Zahlungen einer Berufsunfähigkeitsversicherung leben müssen.

Aber da es mir unter der Therapie recht gut ging, wollte ich es zumindest versuchen, wieder in meinem Beruf zu arbeiten. Das war aber gar nicht so einfach, denn offenbar gibt es in den Verwaltungen das Schema: Erst Krebstherapie, dann Reha, dann Wiedereingliederung. Bei vielen Krebserkrankungen ist das sicher sinnvoll. Aber wenn man als unheilbar Erkrankter eine Dauertherapie bekommt, funktioniert diese Logik nicht.
Letztlich hat das Pfarrer-Dienstrecht dann Fakten geschaffen: Nach 6 Monaten Krankschreibung wird man von einem “Vertrauensarzt” (das ist der Arzt, der das Vertrauen der Kirche genießt) begutachtet. Der ist natürlich kein Krebs-Spezialist und wollte meine Dienstfähigkeit auf 25% festlegen. Das wäre das berufliche Aus gewesen, da wir nach Dienstrecht bei eine Dienstfähigkeit unter 50% in den Ruhestand versetzt werden. Letztlich kam ich dann mit 50% aus der Begutachtung heraus. Mit der Maßgabe, nun eine Reha zu absolvieren und dann mit einer Wiedereingliederung zu beginnen.

Wie komme ich an eine Reha?

Gleich nach dem Gutachten des Vertrauensarztes im Herbst 2023 habe ich eine Reha beantragt. Zusammen mit meiner Hausärztin ging das recht problemlos und wurde auch genehmigt. Bei mir war dafür die Rentenversicherung zuständig. Zwar bin ich als bayerischer Pfarrer in weiten Teilen wie ein Beamter gestellt, aber wir zahlen in die Rentenversicherung ein, und deshalb ist die bei der Reha der Ansprechpartner.
Viel Mühe und Zeit habe ich darauf verwendet, eine passende Klinik zu finden. Schließlich darf ich als Patient der Versicherung drei Vorschläge machen. Das war nicht einfach: Eine Klinik, die auf Lungenerkrankungen spezialisiert ist, oder eine für Krebs? Und gibt es welche, die im Bereich zielgerichteter Therapien besondere Angebot hat? Es war schwierig. Aber am Ende hatte ich drei Vorschläge. Und die Versicherung hat alle drei als nicht passend abgelehnt und drei andere vorgeschlagen. – Ich habe mich dann für die Hamm-Klinik in Bad Soden-Salmünster entschieden.

Mehr dazu gibt es im Krebstagebuch unter 08.

“Ich bin schwerbehindert”

Eine wichtiger Punkt – nicht nur im Berufsleben – war die Anerkennung als Schwerbehinderter. Das klingt irgendwie sehr gruselig, aber es ist ja so: Eine unheilbare Erkrankung ist etwas, was unser Leben massiv erschwert und behindert. Ich bin weder gehbehindert noch gehörlos, aber ich lebe jeden Tag mit den Nebenwirkungen der Therapien, mit den Leistungs-Einschränkungen der Erkrankung und der psychischen Belastung einer unheilbaren todbringenden Krankheit.
In Bayern kann man den Schwerbehindertenausweis beim “Zentrum Bayern für Familie und Soziales” beantragen. Bei Krebserkrankungen ist das recht unkompliziert, da man als Patient mehr als reichlich ärztliche Befunde vorliegen hat. Im meinem metastasierten Fall war der Grad der Behinderung bei “100” (Klugscheißermodus: Das sind keine “Prozent” sondern der “Schweregrad”) und es gibt auch keine zeitliche Befristung.

Was hat man von diesem Ausweis? Im Arbeitsleben sind es 5 Tage zusätzlicher Urlaub, ein erweiterter Kündigungsschutz und weitere Schutzregeln. Finanziell bewirkt ein Behinderten-Pauschbetrag bei der Steuer eine Reduzierung der Steuerlast. Natürlich gibt es bei Eintrittsgeldern oft eine Reduzierung für Schwerbehinderte. Das ist manchmal an der Kasse komisch, wenn ich eine Reduzierung für Schwerbehinderte angebe, und mein Gegenüber mich skeptisch anschaut und vergeblich den Rollstuhl oder sonst ein sichtbares Indiz für die Behinderung sucht. Aber da gewöhnt man sich dran.

Mein Tipp für Betroffene: Scheut euch nicht, eine Schwerbehindertenausweis zu beantragen und (!!!) diese Schwerbehinderung beim Arbeitgeber auch geltend zu machen. Denn Nacheile dürfen euch daraus nicht entstehen.

Wiedereingliederung

Nach der Reha setzte ich mich mit meiner dienstvorgesetzten Dekanin zusammen. Wie bastelten an einer Dienstordnung, die 50% einer normalen Stelle entspricht. Also wurden Gottesdiensteinsätze, reduziert, meine Rolle in der regionalen Zusammenarbeit neu gefasst, der Einsatz im Religionsunterricht gestrichen. Am Ende kam tatsächlich eine gut erfüllbare Dienstordnung heraus.
In den 8 Wochen der “Wiedereingliederung” startete ich mit 15 Wochenstunden, nach 4 Wochen wurden 21 und schließlich 24 Wochenstunden daraus.
Das lief recht gut nach Plan. Was ich unterschätzt hatte, war meine Einschränkung im täglichen Durchhaltevermögen. In meiner Phantasie habe ich mir ausgemalt, 3-4 Tage wie bisher zu arbeiten, und an den übrigen Tagen nichts zu tun. Pustekuchen! Nach 4 Stunden war ich manchmal einfach durch. So hat sich gezwungenermaßen eine neue Arbeitsmoral bei mit etablieren müssen: Wenn es geht, wird gearbeitet, und wenns nicht geht, eben nicht. Klar, kann ich keine Hochzeit absagen, weil es kein guter Tag ist. Aber dann gibts eben außer der Feier nichts weiter. Da hat man als Pfarrer mit einer halben Stelle meiner Meinung nach ausreichend Spielraum. Und umgekehrt: Mit einer 100%-Stelle wäre das völlig undenkbar, dann da sind die Tage manchmal von früh um 8 bis abends um 10 durchgetaktet – Da kannst du nicht sagen “heute geht nix”, ohne dass du Lücken reißt, von denen du nicht weißt, wie du die wieder schließen kannst.
Summa Summarium bis jetzt (2026): Mit 50% komme ich gut über die Runden – auch wenn es finanziell deutlich enger geworden ist.   

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