Krebsstory 06 – Eine kleine Tablette verändert alles

Der kleine rosa Zettel

Etwa eine Stunde hatte das Gespräch mit dem Leiter des Pneumologie am Uniklikum Erlangen gedauert. Danach hatte ich so Einiges auf dem Heimweg im Gepäck:

Das Wissen darum, dass meine Erkrankung nicht heilbar ist.
Die Hoffnung, dass es wegen der entdeckten Mutation (EGFR-Mutation Exon 19 DEL) die Chance gibt, das Fortschreiten des Lungenkrebses für längere Zeit aufzuhalten.
Ein unscheinbares rosa Rezeptblatt für “Tagrisso, 80 mg”

Es dauerte ein paar Tage, bis die Tabletten in der Apotheke ankamen. Denn sie müssen immer direkt beim Hersteller bestellt werden. Als die Schachtel abholbereit war, war ich in nullkommanichts in der Apotheke, und feierlich wurde die erste Tablette eingenommen.

Es dauerte ein paar Tage, bis die Tabletten in der Apotheke ankamen. Denn sie müssen immer direkt beim Hersteller bestellt werden. Als die Schachtel abholbereit war, war ich in nullkommanichts in der  Apotheke, und feierlich wurde die erste Tablette mit eingenommen.

Das Wunder im Zeitraffertempo

Es war unglaublich, was dann passierte. Innerhalb weniger Tage veränderte sich mein Zustand kolossal. Bisher war ich ja mit der Höchstdosis Ibu und zusätzlich einem Opiat unterwegs, um die Schmerzen im Becken auszuhalten. Und nun waren nach weniger als 2 Wochen alle Schmerzen weg! Die Therapie ließ die Metastase im Becken tatsächlich schrumpfen, und mit dem sinkenden Druck auf das umliegende Gewebe hörte der Schmerz auf. Das Bein ließ sich wieder wie gewohnt bewegen.
In der Akutphase dachte ich manchmal “was würde ich geben, ein Mal wieder schmerzfrei zu sein”. Und plötzlich blieben die Schmerzmittel ungenutzt in der Schublade liegen.

Es fühlte ich an, wie ein Wunder. Und subjektiv darf man es so wohl auch betiteln. Denn es ist wunderbar, wenn über den trüben letzten Monaten der Himmel aufreißt und die Sonne der Schmerzfreiheit und der Hoffnung auf das eigene Leben fällt.
Natürlich hat das Wunder eine menschliche Grundlage: Jahrelange exzellente Forschung, Mut zur Entwicklung von neuartigen Medikamenten und ein Gesundheitssystem, das sich nicht scheut, die ernormen Kosten für solche Therapien zu tragen.
Und doch ist es ein Wunder, dass das auch bei mir anschlägt und so alles verändert.

Geschafft! Das neue Krebsgame mit TKI

Beim nächsten Besuch in der Onkologie war gemeinsames Freuen angesagt: Der Arzt freut sich, dass Tagrisso auch bei mir so gut anschlägt und illustriert seine Begeisterung mit Anekdoten über andere senationell-schnelle Erfolge dieses Medikaments. Und ich bin einfach froh, dass die Schmerzen weg sind, und mein Leben jetzt irgendwie weitergehen kann.
Die Roadmap für die Zukunft wurde gemalt:
Ab jetzt gibt es alles 3 Monate eine Bildgebung, um zu sehen, was der Tumor macht. Schrumpft er, wächst er, was machen die Metastasen in Becken, Lunge und an der Nebeniere?
Und wenn alles passt, ist erst drei Monate später der nächste Kontrolltermin, das “Staging”.

Wirkung und Nebenwirkung von Tagrisso und anderen “TKIs”

Viele Patienten, die mit solchen TKIs (Tyrosin-Kinase-Inhibitoren) behandelt werden, erleben derartige Erfolge. Und viele haben damit auch ein langes Überleben mit guter Lebensqualität.
Es ist nicht so, als wäre man gesund.  Wir müssen mit den Nebenwirkungen der Medikamente leben. Dazu gehören oft Durchfall und eine Haut, die sehr empfindlich auf Sonnnenlicht reagiert. Und der Krebs verändert unser Leben. Geringere Leistungsfähigkeit, Erschöpfung bis hin zum chronischen Erschöpfungssyndrom “Fatigue”. Und natürlich verändert das Wissen um die eigene palliative Situation das eigene Leben von Grund auf.

Man bleibt ein Patient mit unheilbarer Krankheit. Und es ist bekannt, dass der Lungenkrebs irgendwann eine Resistenz gegen diese Wunder-Medikamente entwickelt. Und dann beginnt die nächste Runde im Kampf gegen den Krebs.  

Das heißt ab jetzt: Alle drei Monate, mit jeder Kontrolluntersuchung steht das bisherige Leben auf dem Spiel!

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